Ratgeber

Bildersignaturen lesen: die Ecke, der Keilrahmen, die Rückseite

Die Signatur ist der erste Anhaltspunkt, aber selten der wichtigste. Häufig steht hinten mehr als vorn: Etiketten, Stempel, Nummern, Widmungen. Diese Seite zeigt, wo Sie suchen, wie Sie ein Gemälde von einem Druck unterscheiden – und warum Sie das Bild vorher nicht reinigen sollten.

Kurz gefasst
Die Stellen im Überblick

Wo Sie nachsehen sollten

Ein Bild hat mehr beschriftete Stellen, als die meisten vermuten. Sechs davon lohnen den Blick – und die Rückseite ist dabei fast immer ergiebiger als die Vorderseite.

Die Signatur

Meist unten rechts, seltener links oder im Motiv. Oft nur ein Mono­gramm oder eine Ligatur aus zwei Buch­staben.

Etiketten hinten

Galerie-, Ausstellungs- und Rahmen­macher­etiketten, dazu Auktions­nummern. Sie nennen Titel, Künstler und oft ein Jahr.

Stempel und Nachlass

Nachlass­stempel, Werk­verzeichnis­nummern und Sammlungs­stempel stehen auf der Leinwand­rückseite oder auf dem Keilrahmen.

Punkte unter der Lupe

Ein Druck zeigt regel­mäßige Punkte in Reihen, ein Gemälde nicht. Fehlen die Punkte, ist das aber noch kein Beweis.

Malgrund und Träger

Leinwand, Holz, Malpappe oder Hartfaser. Hartfaser­platten kommen erst ab den dreißiger Jahren vor – ein nützlicher Anker.

Keilrahmen

Keile in den Ecken, Fabrik­stempel des Herstellers, alte Nagel­löcher. Sie erzählen von Alter und früheren Eingriffen.

Zwei Einschränkungen gehören dazu. Erstens beweist eine Signatur nichts: Nachträglich aufgebrachte Namen sind häufig, gerade bei Bildern, die schon einmal verkauft werden sollten. Zweitens sind fehlende Rasterpunkte kein Freibrief – moderne Pigmentdrucke auf Leinwand kommen ohne Raster aus und werden gelegentlich noch von Hand mit Firnis überzogen, damit sie sich wie Malerei anfühlen. Entschieden wird das am Bild, nicht am Foto.

Wie Sie das Bild einordnen

Wenn die Signatur unleserlich ist – und das ist der Normalfall –, hilft die Rückseite weiter. Alte Etiketten von Rahmenmachern nennen eine Stadt und manchmal eine Straße, die sich datieren lässt. Ausstellungsetiketten führen zu Katalogen, Auktionsnummern lassen sich über Archive zurückverfolgen. Fotografieren Sie deshalb bitte immer auch die Rückseite, bevor Sie ein Bild irgendwo zeigen.

Der Träger grenzt die Zeit zusätzlich ein. Handgewebte Leinwand mit unregelmäßiger Bindung spricht für das 19. Jahrhundert oder früher, gleichmäßige Fabrikware für die Zeit danach. Malpappe wird ab dem späten 19. Jahrhundert gebräuchlich, Hartfaserplatten erst ab den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts. Auch die Befestigung sagt etwas: geschmiedete Nägel, später Drahtstifte, zuletzt Klammern aus dem Tacker.

Beim Motiv lohnt der Blick auf das, was nur nebenbei mit abgebildet ist. Straßenzüge, Schiffstypen, Kleidung und Fahrzeuge datieren ein Bild oft genauer als jede Signatur. Bei Berliner und Hamburger Ansichten führt das regelmäßig zum Ergebnis, weil sich die dargestellten Orte zeitlich festmachen lassen – ein abgerissenes Gebäude oder eine alte Uferbefestigung setzt eine klare Grenze.

Was den Wert beeinflusst

Den Ausschlag gibt der Künstler und wie gefragt sein Werk gerade ist. Danach kommt sofort das Motiv, und zwar mit erstaunlichem Gewicht: Bei vielen Malern steht eine bestimmte Bildgattung deutlich über allen anderen. Eine Stadtansicht kann ein Vielfaches einer Landschaft desselben Malers bringen, ein typisches Motiv mehr als ein ungewöhnliches.

Werkphase, Format und Technik folgen. Ölbilder liegen in der Regel über Aquarellen und Zeichnungen desselben Künstlers, große Formate über kleinen, solange sie sich noch hängen lassen. Der Zustand wirkt eher als Abzug denn als Zuschlag: vergilbter Firnis, Risse, Fehlstellen, alte Übermalungen und Doublierungen mindern.

Und der Teil, den wir häufig ansprechen müssen: Sehr viele Bilder aus Nachlässen stammen von Malern, für die es keinen Markt gibt. Das sagt nichts über die Qualität des Bildes und nichts über seinen Wert für die Familie – es heißt nur, dass sich dafür kein Preis erzielen lässt. Wir sagen Ihnen das offen, statt einen Betrag zu nennen, der nicht trägt.

Verbreitete Irrtümer

Was uns immer wieder begegnet

„Alt heißt wertvoll“

Nicht unbedingt. Im 19. Jahrhundert wurde außerordentlich viel gemalt, und ein großer Teil davon findet heute keine Käufer. Umgekehrt können Arbeiten aus den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts sehr gesucht sein. Das Alter ist der schwächste aller Anhaltspunkte.

„Signiert heißt Original“

Nein. Auch Drucke werden signiert, und zwar völlig legitim: Lithografien, Radierungen und Siebdrucke tragen üblicherweise eine Bleistiftsignatur und eine Nummerierung am unteren Rand. Steht die Signatur in Bleistift neben einer Zahl wie 34/150, haben Sie eine Grafik vor sich, kein Gemälde.

„Der Rahmen gehört zum Wert“

Meist nicht. Rahmen werden über die Jahrzehnte ausgetauscht, und der aktuelle sagt selten etwas über das Bild. Ausnahmen sind originale Künstlerrahmen und aufwendige alte Rahmen, die für sich einen Wert haben. Bitte nehmen Sie das Bild trotzdem nicht selbst heraus.

„Vorher reinigen lassen“

Bitte nicht. Firnisabnahme und Retusche gehören in die Hand einer Restauratorin, und selbst dann lohnen sie sich nur bei entsprechend wertvollen Bildern. Hausmittel – Brot, Zwiebel, Spülmittel, feuchte Tücher – lösen Farbe an. Der Schaden ist größer als der vergilbte Firnis.

Häufige Fragen

Das ist der Regelfall und kein Hindernis. Fotografieren Sie die Signatur möglichst formatfüllend und schräg im Streiflicht, dann treten die Buchstaben hervor. Zusammen mit Motiv, Technik und den Angaben auf der Rückseite lässt sich der Maler oft trotzdem eingrenzen.
Nehmen Sie eine Lupe und sehen Sie in eine helle Fläche. Regelmäßige Punkte in Reihen bedeuten Druck. Ein Gemälde zeigt stattdessen Pinselspuren und einen unterschiedlich dicken Farbauftrag, der sich im Streiflicht als Relief abzeichnet. Vorsicht bei Drucken auf Leinwand mit aufgetragener Struktur, die täuschen auf Fotos.
Bei Grafiken die Auflage: 34/150 heißt Blatt 34 von 150 Stück. Niedrige Auflagen sind etwas gesuchter, entscheidend ist aber das Blatt selbst. Römische Zahlen oder Kürzel wie e. a. stehen für Exemplare außerhalb der regulären Auflage.
Bitte nicht selbst. Alte Bilder sitzen oft fest, und beim Herausnehmen brechen Farbschollen ab oder die Leinwand reißt am Rand. Fotografieren Sie stattdessen die Rückseite so, wie sie ist – Etiketten und Stempel sind meist auch im Rahmen sichtbar.
Ja. Risse, Löcher, abblätternde Farbe und vergilbter Firnis schließen einen Ankauf nicht aus, sie fließen in den Preis ein. Wichtig ist nur, dass nicht vorher daran gearbeitet wurde: Eine unsachgemäße Restaurierung ist schwerer zu beheben als der ursprüngliche Schaden.
Ein Stempel, den Erben oder eine Nachlassverwaltung auf unsignierte Arbeiten aus dem Atelier eines Künstlers setzen. Er ist ein Echtheitshinweis und meist ein Pluspunkt, ersetzt aber kein Werkverzeichnis. Bitte fotografieren Sie ihn mit.
Nein. Wir schätzen kostenlos für den Ankauf und sagen Ihnen offen, was wir zahlen können. Ein schriftliches Gutachten erstellen öffentlich bestellte Sachverständige; den Unterschied erklären wir auf der Seite zur Wertermittlung.
Ja, und das ist uns lieber, als einzelne Bilder herauszugreifen. Bei größeren Beständen kommen wir zu Ihnen, in Berlin und Hamburg samt Umland kostet der Hausbesuch nichts. Bitte sortieren Sie vorher nichts aus.
Ja, wenn Künstler und Blatt stimmen. Handsignierte Grafiken bekannter Namen haben einen eigenen Markt. Bei unsignierten Reproduktionen aus Kunstverlagen fällt die Auskunft meist ernüchternd aus – auch das sagen wir Ihnen gleich.

Zwei Fotos: Vorderseite und Rückseite

Dazu ein Ausschnitt der Signatur, möglichst im Streiflicht. Wir ordnen das Bild ein und sagen Ihnen, ob sich ein Verkauf lohnt. Kostenlos und ohne Verpflichtung.